LIEBES PUBLIKUM,
1980 besetzten mehrere tausend Menschen im Wendland die Tiefbohrstelle 1004, um gegen ein geplantes Atommüllendlager zu demonstrieren und gründeten die »Republik Freies Wendland«. Das Hüttendorf und seine Bewohner, eine bunte Mischung aus Politaktivisten, Intellektuellen, Künstlern, Bauern und Freaks, wurde nach seiner gewaltsamen Räumung am 3. Juni durch die Polizei zu »dem« Symbol für friedlichen Protest und utopistische Lebensformen. Im selben Sommer isst mein Klassenkumpel Björn auf einem Kindergeburtstag für 10 D-Mark einen lebendigen Regenwurm. Es kommt zum Eklat. Wir knüpfen uns Björn vor: »Wie kannst du nur so etwas Schreckliches für Geld tun. Du bist geldgierig!« Auch wenn ich mir damals in meiner antikapitalistischen Maßregelung selbst ein wenig unglaubwürdig vorkam – ich war jung und hätte das Geld auch gut gebrauchen können – so schien uns dieses liebenswürdige kritische Bewusstsein im Laufe der 80er und 90er Jahre leider schleichend abhanden zu kommen. Ausbeutung der Dritten Welt und unserer natürlichen Ressourcen waren in den darauf folgenden Jahren nur noch Randthemen, die sich zugunsten einer »Geiz ist geil«-Einstellung im Zeichen des Saturn nun endgültig von unserem (schlechten) Gewissen verabschiedet hatten. Erst jetzt, fast 30 Jahre später, in Anbetracht der Bedrohung unseres eigenen Wohlstandes und mitten in der Klimakatastrophe, entwickelt sich eine Atmosphäre des Widerstandes, des global politischen Denkens über uns selbst hinaus. Wer sind »wir«? Und wie wollen »wir« zusammen leben und voneinander lernend unsere Zukunft gestalten? Diesem verheißungsvollen Hilferuf möchten wir uns im Ballhof, dieser Jugendherberge der Künste, mit euch und Ihnen gemeinsam ausliefern.
1407 wird eine kleine Gruppe von Sinti in der Bischofsstadt Hildesheim herzlich willkommen geheißen und in der Schreibstube auf ein »Stübchen« Wein eingeladen – der freundliche Beginn von Verfolgung, Diskriminierung und Völkermord. 603 Jahre und ein »Stübchen« Wein später steht eine kleine Gruppe von jungen deutschen Sinti in der Spielzeit 2009/10 in »Trollmanns Kampf – Mer Zikrales« auf der
Ballhofbühne der Niedersächsischen Staatstheater GmbH und sagt: »Hallo erst mal«. Für einen Moment sind diese jungen Menschen im kulturellen Zentrum unserer so genannten Mehrheitsgesellschaft angekommen und stellen gemeinsam mit dem Publikum die »Wer sind wir«-Frage. In dieser Spielzeit wollen wir uns mehr denn je den großen sozialpolitischen Fragen stellen, indem wir zum Beispiel in »Deportation Cast« die Themen Abschiebung und Asylrecht debattieren, für das »Unternehmen Hunger« die Entstehung der Ersten und der Dritten Welt recherchieren oder in »Kristus – Monster of Münster« den schmerzlichen Wandel einer Utopie der Gerechtigkeit in eine Terrorherrschaft verfolgen.
Theater ist Prozesskunst!
Kulturelle Bildung bezeichnet den Lern- und Auseinandersetzungsprozess des Menschen mit sich, seiner Umwelt und der Gesellschaft, mit den Mitteln der Kunst. Kulturelle Bildung vollzieht sich konkret im Aufschrei eines poetischen Heilschmerzes, in dem sich für einen Moment alles Fremde, Abspaltende und Kunstbegriffliche auflöst. Poesie ist ein Politikum!
Liebes Publikum, wir eröffnen die Spielzeit 2010/11 am Jungen Schauspiel mit einer Nachinszenierung der »Republik Freies Wendland«, einem Ereignis aus einer Zeit, als Regenwürmeressen gegen Geld auf Elternabenden noch abendfüllendes Gesprächsthema war und sich noch nicht »Dschungelcamp« nannte. Wir möchten uns vom widerspenstigen Geist dieses niedersächischen Woodstocks inspirieren lassen, hier und heute mit heiligem Ernst vom Andersleben zu träumen.
Wir laden euch und Sie herzlich ein, den Ballhof neu zu (er)gründen. Besetzt und bewohnt dieses Haus! In diesem Theater wollen wir gemeinsam im Sinne der Dringlichkeit »mit allen Mitteln« darstellende Kunst machen. Kommt vorbei und macht alle mit! Wir freuen uns auf euch!
Marc Prätsch, Leiter Junges Schauspiel
Adressen und Ansprechpartner
Junges Schauspiel Hannover und Theaterpädagogik
Ballhofplatz 5, 30159 Hannover
Telefon (0511) 9999 2855, Fax (0511) 9999 2950
Spielstätten
Ballhof Eins, Ballhofplatz 5
Ballhof Zwei, Knochenhauerstr. 28
Leitung Junges Schauspiel
Marc Prätsch (0511) 9999-2850
marc.praetsch@staatstheater-hannover.de
Dramaturgie
Vivica Bocks (0511) 9999 2852, Fax (0511) 9999 2950
vivica.bocks@staatstheater-hannover.de
Leitung Theaterpädagogik
Bärbel Jogschies (0511) 9999-2851, Fax (0511) 9999 2951
baerbel.jogschies@staatstheater-hannover.de
Theaterpädagogik
Tobias Meyer (0511) 9999-2853, Fax (0511) 9999-2951
tobias.meyer@staatstheater-hannover.de
Service für Schulen und Gruppen
Schul- und Gruppenreferat
Christine Klinke (0511) 9999-2855, Fax (0511) 9999-2950
christine.klinke@staatstheater-hannover.de