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Tragische Komödie

Tina Lanik

In der deutschen Fassung heißt Tracy Letts Pulitzer Preis-gekröntes Erfolgsstück »August: Osage County« kurz und bündig "Eine Familie". Denn darum geht es: um den Niedergang einer weißen amerikanischen Mittelstandsfamilie. Auch bei uns besitzt ja die Familie einen besonderen Stellenwert. Sie bildet sozusagen die Keimzelle der Gesellschaft. »Ehe und Familie« heißt es in Artikel 6 des Grundgesetzes, »stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.« Wie es umgekehrt um die staatliche Ordnung bestellt sein mag, wenn die Familie sich in einem von Letts so bösartig wie lustvoll geschilderten Zustand des Verfalls befindet, bleibt herauszufinden den Zuschauern überlassen.

 

Der Mittlere Westen der Vereinigten Staaten ist im Allgemeinen der Inbegriff der Provinz. Doch Osage County, Oklahoma, der Schauplatz von "Eine Familie", liegt noch nicht einmal dort. Es liegt in einem heißen, platten Nichts, der Prärie. Und die Prärie, erklärt uns eine der Figuren gleich zu Beginn, sei keine Landschaft, sondern eine Krankheit, ein seelisches Leiden...

 

Beverly Weston, früher einmal Hochschullehrer und Autor eines kleinen, gefeierten Gedichtbandes, jetzt pensionierter Vollzeitalkoholiker, verschwindet spurlos. Seine tablettenabhängige und krebskranke Frau Violet lässt er in der Obhut einer neu engagierten Haushalthilfe zurück. Zur Familie, die auf Verschwinden des Patriarchen aus allen Teilen der Vereinigten Staaten anreist, gehören Tochter Barbara mit ihrem geschiedenen Mann Bill und Enkeltochter Jean, Tochter Karen mit ihrem neuen Freund Steve, Tochter Ivy, Tante Mattie Fae, Onkel Charlie und ihr fast vierzigjähriger Sohn Charles.

 

Die Konflikte, die im Haus der Westons, irgendwo in dem heißen, platten Nichts – der Prärie von Oklahoma – nun unweigerlich aufbrechen, sind so vielfältig und werden mit solcher Erbitterung ausgetragen, dass keines der versammelten Familienmitglieder den Ort unbeschadet verlässt. Verwandtschaft, mag man sich im Verlauf dieses emotionalen Gemetzels fragen, wozu ist die überhaupt gut? Die Antwort des Stückes fällt nüchtern aus: »Falls man mal ne Niere braucht.« Dass am Ende allein die neu engagierte indianische Haushalthilfe Johnna vom Stamm der Cheyenne – eine Ureinwohnerin der Prärie – in der Lage ist, die elementaren Funktionen des ehemaligen Professorenhauses Weston aufrecht zu erhalten, gehört zu den bösen Pointen des Stücks.

 

Dem Schauspieler und Autor Tracy Letts gelingt durch eine fein ausbalancierte Mischung aus Tragikkomödie und Well-Made-Boulevard das faszinierende Sittengemälde der amerikanischen Mittelklasse. Wie vertraut uns die Konflikte sind, die in dem 2007 uraufgeführten Stück zur Sprache kommen, beweist die Fülle der Produktionen auf deutschen Bühnen: Schon jetzt gilt "Eine Familie" in Deutschland als das erfolgreichste Stück dieser Saison. Am Schauspielhaus wird es von der Regisseurin Tina Lanik auf die Bühne gebracht, die sich nach zahlreichen Inszenierungen am Staatstheater Stuttgart, am Residenztheater München, am Bochumer Schauspielhaus und am Burgtheater Wien nun erstmalig in Hannover vorstellt.